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von Yvonne P. Doderer

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Die Euphorie, die sich angesichts der neuen technologischen Möglichkeiten der Raumproduktion in den hochindustrialisierten Gesellschaften eingestellt hat, erfährt, insbesondere aus einer feministischen Perspektive betrachtet, notwendige Korrekturen und Einsprüche. Diese Kritik bezieht sich auf mehrere Fragenkomplexe, ohne deshalb jedoch die Möglichkeiten, die virtuelle Räume für Frauen bieten, außeracht zu lassen. Ausgangspunkt dieser Fragenkomplexe ist die Geschlechterfrage und eine kritische Annäherung an mediale Raumproduktionen aus der Perspektive von Frauen. Dabei geht es vor allem um die Frage, in welcher Weise, unter welchen Vorzeichen und wo wir uns, trotz aller Unterschiede, innerhalb dieser veränderten Konstruktionen aktuell und zukünftig positionieren. Diese Frage betrifft gleichermaßen feministische Theorien wie Praktiken, sollten wir den Anspruch haben, nicht nur passiv weitere gesellschaftliche Entwicklungen hinzunehmen, sondern uns aktiv dazu zu verhalten und Einfluß zu nehmen.


Materialitäten

Ohne die etymologische Herkunft des Wortes "virtuell" (1) überstrapazieren zu wollen, gewinnt dieser Begriff in der Konfrontation mit dem Begriff "materiell", der sich vom lateinischen "mater", also "Mutter", ableiten läßt, an Schärfe. Mit dem Einsetzen der Moderne wird die Komplexität eines Dualismus von "virtuell" und "materiell" immer offensichtlicher. Diese Komplexität zeigt sich insbesondere dann, wenn "virtuell" als kennzeichnendes Attribut von Wirklichkeiten verstanden wird, die auf technologischen Voraussetzungen beruhen. Solche Wirklichkeitskonstruktionen wurden zuerst durch die Photographie, dann durch den Film und seit einiger Zeit durch elektronische Bilder erzeugt. Mit dem Auftauchen und der Anwendung dieser technologischen Verfahren vervielfältigen sich die Wirklichkeitsangebote, verändern sich die Sinneswahrnehmungen, verläßt die einzige Wirklichkeit - das Original, wie Walter Benjamin am Beispiel der Kunstproduktion aufgezeigt hat - endgültig den sicheren Boden des Rituals (2). Diese Technologien, die neben erweiterter Formen der Kommunikation, neue Felder der Steuerung, Regelung und damit Regulierung erschließen sowie neue Räume konstruieren, betreffen nicht nur die ökonomischen, gesellschaftlichen und sozialen Dimensionen unserer Gesellschaften, sondern bieten auch Anlaß, bisherige Raumvorstellungen zu korrigieren.

Mit Hilfe der Elektronik werden virtuelle Räume, die auf Text, bewegten und unbewegten Bildern sowie Ton basieren, erzeugt. Dabei ist das Internet ein Oberbegriff für eine Sammlung von Netzen, die auf einer gemeinsamen Technologie beruhen. Aber das Internet, so wie es sich momentan darstellt, ist nur der Anfang einer Entwicklung, die auf die Schaffung eines totalen "Virtual Environment" abzielt. Der Film "eXistenZ" (3) zeigt uns die Komplikationen und Täuschungen, die mit einer solchen vollkommenen Simulation einhergehen können. In der Tat wäre bei einer Vollendung des "Cyberspace" nicht mehr länger zu unterscheiden, in welcher der vielen Wirklichkeiten wir uns befinden. Allerdings ist die Erkenntnis über das Vorhandensein verschiedener Wirklichkeiten keine neue Erkenntnis, denn Philosophie und Spiritualität früherer wie gegenwärtiger Kulturen, aber auch Wissenschaften wie die Physik verweisen längst auf die Begrenztheit westlicher, dominanter Wirklichkeits- und Raumkonzepte.


Werkzeuge

Ganz gleich was uns die neoliberalistischen und globalisierenden Politiken versprechen: in erster Linie sind die neuen, virtuellen Welten durch ihren Werkzeugcharakter gekennzeichnet. Als Werkzeuge der Informationsvermittlung, wie sie heute im Allgemeinen in Gebrauch sind, sind sie im Alltag immer noch weit entfernt von dem Ziel, Räume zu produzieren, die alle Sinne einbeziehen, und eine vollkommen virtuelle Körperumgebung zu schaffen. Die virtuellen Räumlichkeiten lassen die Differenz zwischen der Unmittelbarkeit körperlichen Vorhandenseins, persönlicher Begegnung und Maschinenumgebung, wie sie Prozessor, Bildschirm und Tastatur repräsentieren, nach wie vor spürbar werden. Insgeheim werden diese neuen Umgebungen unsere eigenen Wahrnehmungs- und Denkapparate jedoch vor allem in Hinblick auf unsere geistige Ebene weitergehend beeinflussen. Begegnet z.B. ein Kind einem Frosch nur in der virtuellen Dimension, kann es die Haut des Frosches entfernen, findet dann dessen innere Organe und stößt auf das Skelett. Später kann es dann alle Teile wieder zusammenfügen. Eines Tages begegnet das Kind einem "wirklichen" Frosch, ohne möglicherweise dessen "Wirklichkeit" zu erkennen ...


Zugänglichkeiten

Ein zentraler Teil innerhalb des kritischen Fragenkomplexes betrifft die Frage nach der Zugänglichkeit zu den neuen Informations- und Diskursräumen wie es z.B. das WWW offeriert. Deutlich wird hier nicht nur die Kluft zwischen armen und reichen Ländern, sondern ebenso sozial, politisch und kulturell bedingte Geschlechterdifferenzen.
Zwar nimmt die Zahl der Frauen, die aufs Netz gehen, zu (4), aber es bleibt mehr als fraglich, ob die weitere weltweite Verbreitung der Informationstechnologien dazu beiträgt, bestehende Geschlechter-, Klassen- und ethnische Unterschiede abzubauen. Bereits jetzt zeichnet sich ab, daß eher mit dem Gegenteil zu rechnen ist: die Kluft zwischen denjenigen, die Zugang zu den virtuellen Räumlichkeiten haben, und denjenigen, die nicht oder nur eingeschränkt Zugang haben, wird immer größer (5). Diese Differenzen zeichnen sich gleichermaßen auf räumlich-urbaner Ebene ab (6). Dabei kommt den bestehenden "global cities" wie New York, London, Tokyo, Hong Kong, Frankfurt oder Paris - trotz weltweiter Ausbreitung der neuen Informationstechnologien - weiterhin eine dominante Rolle zu, die eher stärker als schwächer wird. Die bereits bestehende Hierarchisierung der Räume erfährt so eine zusätzliche und die Gegensätze verschärfende Komponente. Diese Verschärfung der Gegensätze macht sich nicht nur zwischen einzelnen, bevorzugten Ländern und städtischen Zentren bemerkbar, sondern auch innerhalb der jeweiligen urbanen Zentren selbst, wie am Beispiel der Dominanz von Manhattan gegenüber der restlichen Agglomeration New York unschwer erkennbar wird. So bilden sich auch innerhalb der Metropolen "network ghettos" aus und nur in bestimmten, meist innerstädtischen Territorien konzentrieren und monopolisieren sich Wirtschafts- und Informationsmacht. Ursachen hierfür sind u.a. eine nach wie vor bestehende Notwendigkeit zum "face-to-face" Kontakt und eine bereits vorhandene wirtschaftliche Dominanz, die weiter ausgebaut wird. Während demnach auf der einen Seite eine alle nationalen und geographischen Grenzen überschreitende und beschleunigte Vernetzung stattfindet, fallen wirtschaftlich uninteressante Gebiete weiter zurück (7). Angesichts dieser neuen geographischen Ordnungen müssen bislang gebrauchte Begriff wie "Gebäude", "Stadt", "Nation" oder "Kontinent" erneut überarbeitet werden.


Befestigungen

Die Frage der Zugänglichkeit und Vorherrschaft stellt sich jedoch auch innerhalb der virtuellen Territorien selbst. Die Fähigkeit zum Informationsmanagement, d.h. die Fähigkeit zur entsprechenden Informationssuche und -auswahl, wird hierbei immer entscheidender. Hier kommen Bildungs- und Klassenunterschiede sowie ethnische Zugehörigkeit (8) ebenso zum Tragen wie geschlechtsspezifische Erziehung, Normierung und Zugang zu ökonomischen Ressourcen (9). Darüber hinaus stellt sich die Frage, welche Veränderungen die bislang offenen Netze selbst erfahren werden. In den Weiten dieser Räume tauchen im Zuge einer zunehmenden Kommerzialisierung immer mehr befestigte, bewachte, nur über kostenpflichtige Gateways und Portale zugängliche Territorien auf. Die Maßnahmen zur Befestigung dieser virtuellen, kommerziell ausgerichteten Imperien wie sie z.B. von AOL oder Microsoft aufgebaut werden, werden immer umfangreicher, wie an den nationalen und internationalen Diskursen um "Sicherheitsfragen" in den Netzen sowie Hacker- und Virenabwehr deutlich wird. Ganz nach dem Credo westlicher, letztlich immer noch funktionalistischer Stadtplanung werden innerhalb dieser virtuellen Reiche regulierte, nach den Gesetzen des Marktes strukturierte Oberflächen geschaffen, die den NutzerInnen im Voraus organisierte, selektierte und damit regulierte Informationsräumlichkeiten anbieten. Diese Räumlichkeiten erinnern an überdachte "shopping-malls" und innerstädtische Investoren-, Konzern- und Konsumanlagen wie sie z.B. am Potsdamer Platz in Berlin gebaut worden sind. Beide Räumlichkeiten - die materiellen wie die virtuellen - geben sich den Anschein, öffentlich-urbane Räumlichkeiten zu sein. Sie sind es jedoch faktisch nicht, denn in beiden Fällen regiert reines Privatrecht. Damit haben die Besitzer, nicht die städtische bzw. mediale öffentlichkeit, Befugnis- und Entscheidungsrecht sowie die Verfügungsgewalt. Mit der Popularisierung der Netze wird so gleichermaßen eine Restriktionspolitik zunehmen, die alles daran setzen wird, die Netzräume selbst und deren infrastrukturelle, globale Vernetzung in hierarchisierte Territorien aufzuteilen und entsprechende Ausschlußkriterien zu errichten. Wir kennen dieses Problem ja bereits aus der "konkreten" Wirklichkeit. Die Frage um den Besitz von Grund und Boden ist in den ländlichen wie in den urbanen Räumen nach wie vor äußerst virulent, bestimmt deren weitere Entwicklung und wird zur überlebensfrage, wie an zahlreichen Kämpfen um Land, Bodenbesitz und Zugangsrechte in vielen Ländern und Städten weltweit überdeutlich wird.


Cyberdemokratien

Auf der anderen Seite bietet der virtuelle Raum die Gelegenheit, neue Formen der Partizipation, des Informationsaustauschs und der Vernetzung zu entwickeln und zu etablieren. Eines der bekanntesten Beispiele virtueller urbaner Raumproduktion ist "De Digitale Stad", die digitale Stadt Amsterdam in den Niederlanden, die seit 1994 betrieben und weiterentwickelt wird. Ein wesentlicher Anlaß für diese "Stadtgründung" war die geringe Wahlbeteiligung der Amsterdamer BürgerInnen. Vor dem Hintergrund des Ideals demokratischer Zugänglichkeit und Urbanität, in organisatorischer, infrastruktureller und ästhetischer Anlehnung an eine städtische Struktur, wurde mit dieser digitalen Stadt eine virtuelle, aneignungsfähige, urbane Plattform für ihre BewohnerInnen und BesucherInnen geschaffen. Ein zentrales Ziel dieser virtuellen Stadt ist die Einflußnahme auf die lokale Stadtpolitik. In der digitalen Stadt vernetzen sich stadtbezogene Aktivitäten über Chaträume bis hin zur virtuellen Repräsentanz lokaler Initiativen. Allerdings zeichnen sich auch hier geschlechtsspezifische Unterschiede ab. Zwar gehört Amsterdam zu denjenigen Städten, die eine der höchsten Dichten an computerisierten Haushalten in Europa aufweisen kann, aber der überwiegende Teil der Stadtbewohner- und besucherInnen der digitalen Stadt ist - wenngleich der Frauenanteil auf ca. 16% gestiegen ist - jung, gut ausgebildet und männlich (10). Worin die Gründe hierfür zu suchen sind, müsste detaillierter untersucht werden. Fest steht jedoch, daß die Nutzung der virtuellen Netze als Mittel demokratischer, partizipatorischer Einflußnahme und äußerung überwiegend von immer jüngeren, zudem hauptsächlich weissen Männern wahrgenommen wird.


Strukturierungen

Eine weitere kritische Frage ist die nach den Folgen der Einführung neuer Technologien für die Strukturierung der Produktions- und Reproduktionsbereiche. Diese Frage betrifft insbesondere, wenngleich in unterschiedlicher Weise, Frauen, die nach wie vor auf die Erfüllung des Reproduktionsbereichs festgeschrieben werden (11). Innerhalb der postfordistischen Industriekomplexe zeichnet sich im Zuge der Etablierung der neuen Technologien ein neuer Arbeitsbegriff ab, der u.a. von Toni Negri mit dem Begriff der "immateriellen Arbeit" beschrieben wird (12). Gemeint ist hier die Integration des ganzen Subjekts in einen Produktionsprozeß, der immer stärker auf die umfassende Nutzbarmachung von Ideen, Kreativität, Intelligenz und Intellektualität ausgerichtet ist. Die Automatisierung von Erwerbsarbeit tut ein übriges dazu, den Kampf um Erwerbsarbeitsplätze zu verschärfen. Frauen, die sich im Spannungsfeld einer dreifachen Vergesellschaftung (13) bewegen, ziehen hierbei, auch wenn sie sich individuell der familiären Reproduktionsarbeit verweigern können, zusehends den kürzeren. Dies wurde z.B. nach der deutschen Wiedervereinigung an der systematischen Verdrängung ostdeutscher Frauen aus dem Erwerbsleben deutlich. Aber auch die geringe oder nur ausführende Repräsentanz von Frauen in den Ausbildungs- und Arbeitsbereichen der Neuen Medien, Informatik und Computertechnologie lassen ahnen, wie schwierig es auch in Zukunft für Frauen in den meisten Ländern wird, sich ein unabhängiges Leben (14) zu verschaffen. Weltweit läßt sich trotz immenser gesellschaftlicher und ökonomischer Unterschiede insgesamt feststellen, daß die Verelendung und Besitzlosigkeit von Frauen zunimmt (15). Dies bedeutet eine weitere Verunmöglichung selbstbestimmter und selbständiger Lebensformen von Frauen trotz bereits bestehender Unterschiede (16). Auch die virtuellen Räume werden - wie die konkreten Räume (17) - weiterhin Territorien sein, die sich weitestgehend in der Hand privilegierter, meist weisser Männer befinden mit der Folge, daß auch hier Frauen um die Durchsetzung ihre Rechte, Interessen und Ansprüche kämpfen müssen.


Strategien

Die Frage nach einer möglichen Aneignung von Raum bzw. Räumlichkeiten stellt sich somit im Konkret-Materiellen wie im Virtuellen. Strategisch gesehen ist die Aneignung von Raum und Räumlichkeiten um so erfolgreicher, je eher es gelingt, Theorie und Praxis zusammenzubringen. Ein wesentliches und zentrales Moment der Neuen Frauenbewegung - und damit meine ich nicht nur die westliche Frauenbewegung, sondern ebenso, trotz ihrer teilweise erheblichen Unterschiede, Frauenbewegungen in Lateinamerika, Afrika, Australien, Neuseeland und in Asien - lag und liegt genau darin. Erst im Zusammenschluß von Theorie und Praxis veräußert sich eine lebensweltliche Dimension, deren Respekt diese Welt und ihre Bewohnerinnen so dringend benötigen.

Theoretische Erkenntnisgewinne werden erst dann virulent, wenn sie ihre hermetischen akademischen Zirkel verlassen und Teil eines frei zirkulierenden Diskurses werden können. Viel weitergehend sind jedoch Erkenntnisgewinne, die ihren Anfang bereits in der Praxis und als Praktiken haben. Die heute schon fast vergessenen (und im übrigen meist nie in akademische Würde gelangten) Ideen und Konzepte von Radikalfeministinnen wie z.B. Kate Millet oder Monique Wittig hatten genau hier ihren Ausgangspunkt. Der Kern ihrer Analysen lag in ihrer politischen Dimension. Politik in ihrem Sinne verstanden meinte Veränderung: von Gesellschaft, ihren Institutionen und den Frauen selbst. Die Heftigkeit, mit der diese Analysen diskutiert wurden, lag nicht nur in ihrem Neuheitsgrad begründet, sondern in ihrem Allgemeinheitsanspruch und ihrer Schärfe. Ihr Wahrheitsgehalt, der soviel Aufmerksamkeit erregte, bestand nicht nur darin sich über alle geographischen Grenzen und disziplinare Schranken von Wissenschaftlichkeit hinwegzusetzen, sondern vor allem darin, das Geschlecht "Frauen" als Klasse zu begreifen. Ein solches Vorgehen beinhaltete zwangsläufig eine gewisse Vereinfachung, die später zu Recht wie zu Unrecht kritisiert und modifiziert wurde. Feministische Theorien und Praktiken erfuhren so auf vielfältige Weise und in unterschiedlichen Kontexten eine Fortschreibung, die allerdings nicht nur aus freien Stücken erfolgt ist.

Der Einzug feministischer Theorien in den nationalen wie internationalen Wissenschaftsbetrieb und deren, wenngleich häufig immer noch marginale Anerkennung in den wissenschaftlichen Disziplinen war (und ist) nur um den Preis von Anpassungsleistungen zu erreichen (18). Die Anstrengungen einzelner Frauen und Frauengruppen, feministisch ausgerichtete Theorien im wissenschaftlichen Feld zu etablieren und die damit einhergehenden Professionalisierungsanforderungen durch den wissenschaftlichen Mainstream, haben zumindest in Deutschland, in Europa und in den USA dazu geführt, daß mittlerweile feministische Theoriebildung gänzlich im akademischen Raum praktiziert wird. Sie hat sich von feministischer Praxis zusehends entkoppelt wie u.a. Gerda Lerner kritisch bemerkt (19). Neben einer disziplinaren Ausdifferenzierung und Abgrenzung gegenüber anderen wissenschaftlichen Feldern, hatte dies ein Aufgeben radikaler Politik zur Folge. Wird Politik im Arendt'schen Sinne als Reden/Denken und Handeln verstanden, wird deutlich, daß - wenn es nicht nur darum gehen soll, spezifische und partikulare Interessen durchzusetzen, sondern grundlegende gesellschaftliche Veränderungen in die Wege zu leiten - Räumlichkeiten und Strukturen konstituiert werden müssen, in denen sich ein solches politisches Tun veräußern und artikulieren kann.


Praktiken

Die Neue Frauenbewegung hat mehr oder weniger erfolgreich versucht, neue Praktiken und Räumlichkeiten zu schaffen. Dabei gestaltete sich dieses Unterfangen je nach nationaler und lokaler Situation bzw. Gesellschaft unterschiedlich und äußerst schwierig. Dabei blieb Kritik nicht aus: Die westliche Neue Frauenbewegung wurde als weiße und bürgerliche Bewegung kritisiert, die ihre eigenen Zentrismen nicht genügend reflektiert. Die aktuelle Frauen/Lesbenpolitik ist, weltweit betrachtet, höchst verschieden strukturiert und organisiert je nach den Bedingungen, mit denen sie sich in den jeweiligen Ländern konfrontiert sah und sieht. Diese hatten zum Teil nicht unerheblichen Einfluß auf die weitere Entwicklung feministischer Politik (20).

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lassen sich drei wesentliche Stränge erkennen, innerhalb derer eine Ausrichtung auf feministische Frauen- und Lesbenpolitik erkennbar wird. Ich werde im folgenden diese grob zusammenfassen, wenngleich die länderspezifischen und lokalen Situationen sich sehr voneinander unterscheiden.
Der erste Strang betrifft Projekte, die meist als non-profit Einrichtungen konzipiert sind. Sie umfassen frauenbezogene NGO's, Frauen- und Lesbenprojekte, -initiativen sowie -gruppen unterschiedlicher kultureller und ethnischer Zugehörigkeit, die in erster Linie vor Ort arbeiten. Sie organisieren sich meist in Selbsthilfe, üben unterstützende, beratende und fördernde Tätigkeiten aus. Ihre thematische Ausrichtung sowie Angebotsstruktur reicht von Projekten zum "Empowerment" von Frauen, zu Frauen- und Lesbenpolitik, Frauenforschung, Frauengeschichte u.v.a.m. über u.a. Projekte zur Armutsbeseitigung, zu sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen, zur Wohnungslosigkeit von Frauen, Projekte zu Bildung, Weiterbildung, Erwerbstätigkeit bis hin zu Kultur- und Kunstförderung und -produktion.
Ein zweiter Strang kristallisiert sich im wissenschaftlichen Feld heraus. Hier haben sich an verschiedenen Universitäten, meist überwiegend in den USA, Frauenforschungs-schwerpunkte und -netzwerke herausgebildet, die regional wie teilweise international zusammenarbeiten und feministische Forschung sowie Theoriebildung vorantreiben (21).
Ein dritter Strang frauen-, seltener lesbenpolitischer Aktivitäten wird von einzelnen Frauen und Frauengruppen in Institutionen, in staatlich-kommunale und parteipolitische Apparate sowie in die ökonomischen Ordnungen (Gewerkschaften, Verbände, Produktionskomplexe) hineingetragen und dort günstigenfalls etabliert (22).


Raumarbeiten

Der neoliberalistische Umbau der dominanten ökonomien, verbunden mit einem zunehmenden Rückzug der Nationalstaaten aus ihrer sozialen wie kulturellen Verantwortung sowie der sukzessiv betriebenen Privatisierung ihrer infrastrukturellen und gesellschaftlichen Aufgaben bleibt nicht ohne Folgen für die gesellschaftliche, ökonomische und soziale Situation von Frauen. Wenngleich sich immer deutlicher die Unterschiede zwischen Frauen abzeichnen, die Kluft zwischen Gewinnerinnen und Verliererinnen dieser Umstrukturierungen international gesehen größer wird, zeichnet sich vor dem jeweiligen gesellschaftlichen Hintergrund wiederum die Notwendigkeit ab, das politisch bereits Erreichte zu festigen, Entsolidarisierungs- und Individualisierungsprozesse entgegenzutreten sowie Rechte und Zugänglichkeiten auf allen sozialen, politischen wie kulturellen Ebenen weiter auf- und auszubauen. Hier einen weiteren Schritt zu vollziehen, beinhaltet nicht zuletzt erneute Anstrengungen zu unternehmen, neue Strategien und Räume zu erarbeiten. Allerdings trifft dieses Unterfangen auf eine Vielzahl von Schwierigkeiten, Widerstände und Widersprüche - nicht zuletzt in den "eigenen Reihen" und je nach eingenommenen Standpunkten sowie Perspektiven. Nach einer Phase der Differenz unter und Differenzierung von Frauen, die die Notwendigkeit einer Dekonstruktion der Kategorie Geschlecht deutlich und neue Formen der Identitätspolitik sichtbar gemacht hat, ist es nach meiner Auffassung an der Zeit, erneut Allianzen zu schmieden und neue Koalitionen einzugehen. Nicht nur zum gegenwärtigen Zeitpunkt, sondern auch zukünftig müssen wir die Unterschiede zwischen Frauen aushalten, unterschiedliche Politiken und Wege akzeptieren lernen. Dazu gehört die wechselseitige Vermittlung von feministischen Theorien und Praktiken, indem neue Kommunikations- und Informationsstrukturen aufgebaut werden, die beide Bereiche - Theorie und Praxis - vernetzen. Dazu gehört auch eine öffnung des eigenen Arbeitsfeldes gegenüber anderen Disziplinen und Praktiken. Ich denke, daß wir an dieser Stelle wieder etwas mutiger werden, die herkömmlichen Grenzen durchbrechen und neue Koalitionen eingehen könnten, auch wenn die daraus entstandenen Entwürfe nicht gleich realisiert werden können (23). Es geht mir hier nicht darum, eine Politik der kleinen Schritte abzuurteilen, aber ich denke wir haben ebenso ein Recht auf utopische oder besser heterotopische Entwürfe und Raumvorstellungen. Während der Aufbruchphase der Neuen Frauenbewegung war eine solche Art der Radikalität noch zu spüren. Es wird an der Zeit uns diese wieder, wenngleich unter anderen Vorzeichen, zurückzuholen. Andernfalls laufen wir Gefahr von den Entwicklungen überrollt zu werden mit dem Ergebnis, daß unsere Inhalte, Politiken und Geschichten immer rudimentärer werden. Vielleicht sollten wir uns wieder stärker an unsere Rolle erinnern, der Sand im Getriebe zu sein, anstatt die so kräftezehrende Anstrengung zu übernehmen, endlich ein akzeptierter Teil des Getriebes zu sein. Aber diese Entscheidung muß letztlich jede für sich selbst treffen.


Vermittlungsformen

Eine notwendige Form von Vermittlung habe ich ja bereits angesprochen: die überwindung disziplinarer Schranken und eine öffnung des wissenschaftlichen Elfenbeinturms gegenüber politischen, kulturellen und aktivistischen Praktiken. Ein solches Unternehmen kann nicht der Einzelnen aufgebürdet werden. In der Tat müssen hierfür eigene Räumlichkeiten und Verkehrsformen er- und gefunden werden. Es gibt durchaus bereits einige Beispiele, die erneut aufgegriffen und in modifizierter Form installiert werden könnten. Im konkreten Raum möchte ich an dieser Stelle z.B. an die us-amerikanische WomenActionCoalition (WAC) erinnern oder an die Berliner Frauensommeruniversität, die über einige Jahre hinweg ein Forum darstellte, das allen aktiven Frauen aus allen möglichen Praxis- und Theoriefeldern offen stand. Aktuelle Beispiele nicht-feministischer Politik sind die Organisation des Widerstand gegen die WTO-Konferenz in Seattle, die Mobilisierung breiter Bevölkerungsgruppen gegen die Regierungsbeteiligung der neofaschistischen FPö in österreich oder die Aktion "raisons d'agir", die die sozialen Bewegungen in Europa bündeln will. In allen Fällen spielt die Kommunikation über das Internet bzw. WWW eine zentrale Rolle. Während sich im ersten Fall alle möglichen Gruppen untereinander über Netzkommunikation formierten, waren es im Falle von österreich insbesondere KünstlerInnen, die die nahezu täglich stattfindenden Proteste koordinierten und entsprechende Plattformen im Netz anboten. Das Interessante in den beiden ersten Fällen ist das Zusammenspiel von virtuell-diskursiven und lokal-aktivistischen Praktiken. Während sich hier Reden und Denken im virtuellen Raum äußerte, veräußerte sich politisches Handeln im konkret urbanen Raum als aktivistische Praxis, die erfolgreich auf "klassische" Protestformen zurückgreift, um sich Gehör zu verschaffen.

Viele Frauenforschungsschwerpunkte an Universitäten ebenso wie Frauen- und Lesbenprojekte, -initiativen oder -gruppen sind bereits im Netz vertreten. Die Frage ist nun, ob weitere, lokale wie international operierende Plattformen installiert werden können, die die in den virtuellen wie konkreten Räumen vertretenen Kräfte feministisch ausgerichteter Theorie und Praxis bündeln und die Entfaltung neuer Kräfte ermöglichen könnten.


 

 

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last modified : 04.11.2001
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